35 Jahre Naturschutzgebiet Geigelstein. Grund genug für den Alpenverein Prien und den „Arbeitskreis Bergsteigerdorf Sachrang“ am 13. Januar zu einem Podiumsgespräch einzuladen. „Der lange Weg von der Skischaukel zum Bergsteigerdorf Sachrang“. Wie kam es dazu? Welche Zerwürfnisse gab es zwischen Naturschützern und Almbauern, Unternehmern, Einwohnern und Vereinen?
Hans Steinbichler jun. und Wast Pertl, die Söhne der damaligen Gegner, Steinbichler sen. und Sepp Pertl, erzählen als Zeitzeugen vom Streit ihrer Väter. Georg Antretter moderiert, ein Journalist mit viel Hintergrundwissen, da er das Thema Geigelstein über Jahre begleitet hat.
Zum Hintergrund: In den 70er Jahren sollte ein großes Skigebiet am Geigelstein entstehen. Plan war eine Täler verbindende Skischaukel der Dörfer Sachrang und Schleching. Ein so genanntes „Raumordnungsverfahren“ wurde verabschiedet, das künftig Erschließungen ermöglichen sollte. Wirtschaftliche Interessen. standen dahinter, schließlich würde an diesem Skigebiet auch eine große Infrastruktur hängen: Kabinenbahn und Sessellift, dazu eine Talstation, zwei Mittelstationen sowie zwei Bergstationen mit einigen Gasthäusern. Bei einer Podiumsdiskussion 1974, organisiert durch den DAV, gab es heftigen Widerspruch: Zahlreiche schützenswerte Pflanzen- und Tierarten waren in Gefahr. Etwa zeitgleich plante auch der DAV den Ausbau der Priener Hütte. Dass Flora und Fauna schließlich nicht den großen Bauvorhaben und Rodungen für das Skigebiet geopfert wurden, dafür sorgte eine kleine Gruppe revolutionärer Naturschützer um Hans Steinbichler Senior. Sie gründeten 1975 die Bürgerinitiative „Rettet den Geigelstein“, die schließlich an die 400 Mitglieder hatte. Es folgte ein erbitterter und fast 30 Jahre langwährender Streit zwischen Bürgerinitiative, Landräten und Bürgermeistern, DAV und den Almbauern. Der Konflikt zog sich bis in die nächste Generation.
Dass Hans Steinbichler jun. und Wast Pertl als Almbauer auf dem Podium sitzen und heute miteinander reden, ist ihrem Blick nach vorne zu verdanken. Die damals 8- und 9-Jährigen hatten sicher keine unbekümmerte Jugend. Sie wuchsen. auf in dem hasserfüllten Umfeld ihrer Väter. Für Hans Steinbichler war zu Hause „Kriegsgebiet“ und die Bürgerinitiative für ihn als Kind nicht unterscheidbar von anderen radikalen Organisationen. „Meine Mutter machte Brotzeit für die Terrororganisation Bürgerinitiative“. Er fühlte sich als „Kettenhund des Vaters“, der all dessen Emotionen mitbekommen hat. Das hinterlässt Spuren. Und auch wenn heutzutage alles politisch korrekt formuliert und kontrolliert wird, will Steinbichler klare Worte sprechen, er möchte, dass er verstanden wird - dass das Publikum versteht, wie drastisch es damals war.
Auch Wast Pertl empfand damals eine tiefe Abneigung gegen die Steinbichlers, genährt von der Haltung seines Vaters. Zuerst sah dieser seine und die gesamte Almwirtschaft bedroht von der Erschließungsidee. Als diese 1981 vom Tisch war, sahen sie in der strengen Naturschutzidee eine Gefahr für den Almwirtschaftsbetrieb. Ironischerweise kam Wast Pertl zum ersten Mal mit der Bürgerinitiative persönlich in Kontakt, als er - als 16-Jähriger bei der Bergwacht – die Kamera für Hans Steinbichler sen. auf den Gipfel trug – und wurde dafür aufs Übelste beschimpft. Seitdem gab es viele Situationen, die die Zwietracht immer wieder anfeuerten. Ein Beispiel: Als gelernter Schreiner hatte Wast Pertl in bester Absicht und ehrenamtlichem Engagement Sitzbänke für die Wanderwege gebaut. „Plötzlich ging mich irgendein Typ aus Minga an, weil ich ohne Genehmigung Bankerl gebaut hatte“. Der Typ aus München, das war Klaus Gerosa, auch ein Mitglied der Bürgerinitiative. Die Fronten verhärteten sich immer weiter. Das zeigt auch Lothar Obermaier, der sich als noch lebender Zeitzeuge und Mitglied der Bürgerinitiative aus dem Publikum zu Wort meldet und die Hitzigkeit und Emotionen der Treffen noch einmal eindrücklich unterstrich.
Die Veranstaltung hätte wohl noch die ganze Nacht gedauert, wenn alle Geschichten hätten erzählt werden wollen. Doch die Erinnerung an die alten Geschichten, war nicht der Hauptimpuls des DAV für die Einladung zu einem Podiumsgespräch. Vielmehr sollte es eine „erneute Begegnung ehemaliger Gegner werden, um Vergangenes aufzuarbeiten“, so Sepp Buchner, 1. Vorstand des Priener Alpenvereins. So appellierte er an alle, miteinander zu reden, auch wenn es scheinbar unlösbare Konflikte gibt. Hans Steinbichler jun. und Wast Pertl haben es getan – und sie reden immer wieder miteinander.
Katrin Lederer
(Quelle für Hintergrundinformationen: MUH 40, Frühjahr 2021: www.muh.by)
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